Institut für Kategoriale Analyse

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Rezension von Anna Kern : Werttheorie des Postoperaismus

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Rezension: Metzger, Philipp (2011) Werttheorie des Postoperaismus. Darstellung, Kritik und Annäherung. Marburg: Tectum Verlag. 185 Seiten. ISBN: 978-3-8288-2573-4. 24,90€.

Philipp Metzger leistet in seinem 2011 im Marburger Tectum Verlag erschienen Buch „Werttheorie des Postoperaismus. Darstellung, Kritik und Annäherung“ eine Analyse der Theorieentwicklung des Postoperaismus. Das Hauptaugenmerk liegt dabei darauf, zentrale Kategorien des (Post-)Operaismus auf ihre Prämissen zu prüfen, um die Plausibilität der getroffenen Schlussfolgerungen im theoriegeschichtlichen Kontext nachvollziehen zu können. Eine Darstellung unterschiedlicher Marxologischer Auseinandersetzungen mit dem Theorem des Wertgesetzes liefert dabei die Kritikfolie, vor deren Hintergrund die wohl umstrittenste Conclusio der Trilogie von Michael Hardt und Antonio Negri – die Verabschiedung vom Marxschen Wertgesetzt – diskutiert wird. Philipp Metzger fundiert diese Diskussion, in dem er sich mit (post-)operatistischen Interpretationen Marxscher Kategorien, wie der formellen und reelen Subsumtion, des gesellschaftlichen Arbeiters und des General Intellect, auseinandersetzt, deren Ursprünge bei Marx aufzeigt und weitere theoretische Einflüsse, wie z.B. den des Poststrukturalismus expliziert. Abschließend konfrontiert er den (Post-)Operaismus mit Kritiken aus den Reihen seiner wohl ärgsten Gegenspieler/innen – den Wertkritiker/innen – und fragt in diesem Zusammenhang auch nach der Reichweite der Kritik des (Post-)Opeaismus in der Analyse anderer gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnissen. Die Ausgangsfrage nach der Qualität der (post-)operaistischen Theorie versucht der Autor zudem damit zu beantworten, dass er sie auf deren Berücksichtigung weiterer Marxscher Kategorien wie der des Fetischs oder des Mehrwerts überprüft. Er stellt fest, dass Hardt/ Negri einer „ultra-substanzialistischen“ Marx-Interpretation folgen, deren Interpretation der Kategorie der abstrakten Arbeit erst die Aufgabe des Wertgesetztes ermöglicht: Hardt/ Negri haben sich selbst die Aufgabe einer Aktualisierung der Marxschen Theorie gestellt. Die Veränderungen in der Art und Weise der Produktion und Reproduktion der Gesellschaft analysierten sie auf der Grundlage einer historisierenden Lesart der Marxschen Werke als qualitative Veränderung der kapitalistischen Produktionsweise. Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit sei heute durch die hegemoniale Stellung der immateriellen Arbeit aufgelöst, wodurch sich auch die Form der Ausbeutung verändere. Nicht mehr die Herrschaft der abstrakten Wertform, sondern eine parasitäre Aneignung des gemeinschaftlich Produzierten spiegele die gegenwärtige Form gesellschaftlicher Herrschaft, da die Produktivkräfte – das Wissen und die Kooperation in der Produktion – bereits kommunistisch seien. Insofern entstehe ein neuer Widerspruch im Doppelcharakter der Armut mit dem die Armen als neues revolutionäres Subjekt entdeckt werden könnten. Der Begriff der Multitude soll den Marxschen Begriff der Klasse erweitern. Motor der geschichtlichen Dynamik des Kapitalismus stellen in dieser Lesart immer verschiedene Formen der Kämpfe dar – das Kapital gilt als „Pingpongwand“ die keinen eigenen Bewegungsgesetzen mehr folgt, sondern zur ewigen Reaktion verdammt bleibt.

Philipp Metzger lehnt diese Stoßrichtung und Interpretation des (Post-)Operaismus als handlungstheoretische Vereinfachung auf der Grundlage einer verkürzten Technikkritik entschieden ab und insistiert demgegenüber auf der analytischen Leistung des Marxschen Wertgesetztes. Sein Hauptargument besteht darin, dass mit der postoperaistischen Lesart die Spezifik von Kämpfen und Herrschaftsverhältnissen im Kapitalismus nicht mehr hinreichend analysiert werden könnten. Neben seiner Kritik an der analytischen Unschärfe des (Post-)Operaismus verweist Philipp Metzger dennoch auch auf die Stärken der so entstehenden Theorie. Diese würde ebenso versuchen Veränderungen der kapitalistischen Produktionsweise am Ende des Fordismus zu reflektieren, wie sie die Produktion von Subjektivität und eine Analyse der heutigen Vielzahl sozialer Kämpfe auf die Tagesordnung setze. Dabei zeigt er, dass der (Post-)Operaismus für die Diskussion um die Veränderungen in der Arbeitswelt ebenso wie um die Warenförmigkeit des Wissens zwar keine abschließenden Erklärungen liefert, aber durch seine spezifische Perspektive Phänomene in den Blick bekommt, die Marxsche Theorien auf einem höheren Abstraktionsniveau nicht wahrnehmen können. Zudem betont der Autor, dass das Potenzial der Arbeit von Hardt/ Negri, als „politische Intervention“ gelesen, darin läge, dass diese gegenüber anderen Gesellschaftstheorien versucht wichtige strategische Ansatzpunkte zu benennen und ein Jenseits des Kapitalismus denkbar zu machen. Insofern wird das rein wissenschaftliche Interesse von Philipp Metzger permanent von einer emanzipativen Fragestellung flankiert, die den Möglichkeiten einer Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise (wenngleich etwas unsystematisch) nachspürt. Dem (Post-)Operaismus wird dadurch eine ernst zu nehmende Stellung in einer wichtigen Diskussion eingeräumt, ohne ihn analytisch zu überhöhen: „Vielleicht stellt der adäquateste Zugang zur operaistischen Theorie derjenige dar, der diese als eine Theorie begreift, die notwendige Fragen aufgeworfen hat, deren Beantwortung jedoch nur mit einer Erweiterung der jeweiligen Theorien zu verwirklichen ist“ (Metzger 2011: 173).

Durch seine kenntnisreiche und unvoreingenommene Darstellung der Theoriegeschichte des (Post-)Operaismus nimmt Philipp Metzger eine Zwischenposition zwischen handlungs- und strukturvereinheitlichenden Interpretationen der Marxschen Kritik ein und kann für diese somit eine gemeinsame Gesprächsgrundlage schaffen. In seiner eigenen Sprache und in Teilen etwas eigensinniger Darstellungsweise liefert er auch für Nicht-Marxolog/innen einen Einstieg in eine wichtige Diskussion deren Gegenstand kein Geringerer als die Identifikation der Widersprüche und somit der Ansatzpunkte zur Abschaffung des Kapitalismus ist.

 

 

Written by INKATAN

Juli 6th, 2012 at 9:46 am

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