Institut für Kategoriale Analyse

INKATAN

Selbstverständnis

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Von der „Sicherheitsgesellschaft“ über die „Transnationalisierung von Staatlichkeit“ bis hin zur „Wissensgesellschaft“ – in den letzten Jahren sind eine Vielzahl von Zeitdiagnosen und sozialwissenschaftlichen Konzepten entwickelt worden, die versuchen die rasanten gesellschaftlichen Veränderungen, welche gemeinhin unter dem Begriff der Globalisierung zusammengefasst werden, näher zu bestimmen. In der Tat ist es unübersehbar, dass die Transformation des Kapitalismus seit dem Zusammenbruch des sogenannten „realexistierenden Sozialismus“ alle Ebenen der Gesellschaft betrifft. Die institutionellen Formen des Politischen, die Arbeits- und Wissensverhältnis und auch die Art und Weise der Subjektkonstitution und der Geschlechterverhältnisse sind durch entscheidende Veränderungen gekennzeichnet.

Gleichwohl bestehen zentrale Momente der modernen Gesellschaft wie Staat, Ökonomie und Ideologie fort; ihre Erscheinungsform hat sich gewandelt, wesentliche Funktionen sind geblieben. Zudem sind die sozialen Dynamiken, die meist allgemein unter den Globalisierungsprozess subsumiert werden, in weiten Teilen widersprüchlich. So geht mit flexibilisierten Arbeitsverhältnissen zugleich eine neue Qualität sozialer Kontrolle einher, die allgemeine Globalisierung des Handels- und Warenverkehrs wird von nationalen Abschottungspolitiken und diversen „Varities of capitalism“ begleitet, zentrale Institutionen des wissensbasierten Kapitalismus weisen mitunter äußerst selektive Zugänge auf und die weithin festgestellte Pluralisierung von Lebensstilen in einer komplexer werdenden, modernen Gesellschaft ist mit dem Anwachsen rassistischer, antisemitischer und religiöser Fundamentalismen konfrontiert. Die Sozialwissenschaften stehen, wollen sie ihren analytischen Anspruch der gesellschaftlichen Selbstaufklärung nicht zugunsten mikrosoziologischer Problembeschreibungen aufgeben, daher vor der Aufgabe, die scheinbar gegensätzlichen Tendenzen des postfodistischen Kapitalismus zusammenzudenken und dessen Widersprüche als immanente Spannungen zu dechiffrieren.

Die kritische Theorie in der Tradition des westlichen Marxismus stellt zur Bearbeitung dieser Aufgabe eine Reihe von Konzepten und Ansätzen bereit, die insbesondere die Ökonomie, den Staat, die Subjekte und Diskurse in den Blick nehmen. Gleichwohl sind diese ihrerseits nicht als ein Kanon fertiger Antworten zu verstehen. Vielmehr bieten sie eine sozialwissenschaftlich anspruchsvolle Perspektive, die ein Problemfeld umreißt, das gerade heute der theoretischen Reflexion, Aktualisierung und empirischen Überprüfung bedarf. Das Institut für kategoriale Analyse (Inkatan) will in diesem Sinne einen Beitrag zur Weiterentwicklung, Diskussion und Verbreiterung einer kritischen Analyse der bestehenden Gesellschaft und ihrer widersprüchlichen Entwicklungstendenzen leisten. Dabei ist die theoretische Debatte nie von den strategischen Fragen einer auch in der Gegenwart schon in emanzipatorischer Absicht eingreifenden, sozialen Praxis zu trennen.

Inkatan versteht sich als interdisziplinärer Diskussions-, Bildungs- und Forschungszusammenhang, in dessen Rahmen verschiedene thematische Schwerpunkte bearbeitet werden. Verbunden werden diese allerdings nicht nur vermittels der kollektiven Problemdiagnose einer widersprüchlichen, globalen (Post-)Moderne, sondern auch durch eine gemeinsame, gesellschaftstheoretische Perspektive. Die zentralen Merkmale und Widersprüche der kapitalistischer Vergesellschaftung werden im Rahmen des Inkatan nicht als Ausdruck von (unvermittelten) Gegensätzen, sondern als ein Bedingungsverhältnis begriffen, dessen historische Dynamik sich nur als eine spezifische Form gesellschaftlicher Verhältnisse sinnvoll verstehen lässt. Kapitalismus als analytische Kategorie soll hier daher, auch entgegen einer in der materialistischen Theorie lange gepflegten Orthodoxie, als eine komplexe und historisch-dynamische Form gesellschaftlicher Unfreiheit begriffen werden. Sie bezeichnet demnach, weit davon entfernt nur eine „Wirtschaftsweise“ zu beschreiben, eine historisch besondere und qualitativ eigene Gesellschaftsform, deren Strukturen soziale Kontingenz nicht abstrakt entgegen gesetzt, sondern vielmehr immanent ist.

Inkatan entwickelt eigenen Forschungs- und Publikationsprojekte und steht darüber hinaus gerne für Vorträge, Diskussionen und Kooperationen zur Verfügung.

Inkatan, im Juli 2010

Written by INKATAN

Februar 10th, 2010 at 1:57 pm

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